„One Opera I saw represented about 16 severall times; and so farr was I from being weary of it, I would ride hundreds of miles to see the same over again (…).”

Dies schrieb Robert Bargrave, ein musikalisch gebildeter englischer Kaufmann, in sein Reisetagebuch. Er hatte im venezianischen Karneval 1656 die Gelegenheit, unter anderem „L’Erismena“ von Aurelio Aureli (Libretto) und Francesco Cavalli (Musik) zu sehen. Die Oper wurde mit 32 Aufführungen während des Karnevals und dreizehn Neuinszenierungen an anderen italienischen Häusern innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte zu einer außergewöhnlich erfolgreichen Oper.

Aureli schuf für Cavalli ein vielschichtiges Libretto um die zentrale Gestalt der Königstochter Erismena, die mit zahlreichen, ebenso vielschichtigen Charakteren schlussendlich durch Verwechslungen und Verwicklungen zur Liebe finden.

Robert Bargrave ließ eine Abschrift von Cavallis Partitur anfertigen. In England erstellte er seine eigene Partitur und übersetzte das Libretto ins Englische. Diese Handschrift, die älteste erhaltene Partitur einer Oper in englischer Sprache, wurde 2008 von der britischen Regierung als „herausragend für die Erforschung der Musikgeschichte des Vereinigten Königreichs“ erklärt und von der Bodleian Library der Universität von Oxford erworben. Die Ausgabe im Rahmen der Cavalli-Werkausgabe enthält von vier Herausgebern erarbeitete kritische Editionen der italienischen und der englischen Fassung inklusive einer Librettoedition bzw. -gegenüberstellung, die unter anderem auf einer Partitur aus der Biblioteca Marciana in Venedig sowie Bargraves Partitur als Hauptquellen basieren. Daraus ergeben sich vielfältige Möglichkeiten für heutige Aufführungen dieser im 17. Jahrhundert von den Venezianern und vielen anderen so geschätzten Oper.