Mit „Serse“ schuf Georg Friedrich Händel 1738 eine seiner letzten und zugleich bekanntesten Opern. Tatsächlich aber ist Händels Oper nichts anderes als das abschließende Kapitel in der Geschichte eines Sujets, das von Francesco Cavalli fast ein Jahrhundert früher in Musik gesetzt worden war: „Il Xerse“, 1655 im Theater SS. Giovanni e Paolo in Venedig erstmals aufgeführt, war eine der erfolgreichsten Opern ihrer Zeit. Davon zeugen nicht nur viele Wiederaufführungen in ganz Italien, sondern auch die Tatsache, dass die Oper ausgewählt wurde, um in Paris anlässlich der Festlichkeiten der Hochzeit des französischen Königs Ludwigs XIV. mit der Prinzessin Maria Teresa von Spanien aufgeführt zu werden.

Zu den Stärken des Dramas zählen die Komik und die Dramatik gewagter Situationen und überraschendem Umschlagen der Handlung. Das komische Element besteht im Wesentlichen aus den Bemühungen des launischen Xerxes, die schöne Vasallin Romilda für sich zu gewinnen, die allerdings mit dem Bruder des Königs, Arsamene, in treuer Liebe verbunden ist. Die unvermeidlichen Intrigen lösen in den Beteiligten eine reichhaltige Welt an Affekten aus, die von einer stilistisch äußerst vielfältigen Musik ausgemalt wird.
Jede Figur, ob ernst oder komisch, entspricht niemals einem bloßen Stereotyp, sondern reagiert immer individuell mit einer psychologischen Komplexität auf die Ereignisse, die ganz menschlich und auch einem heutigen Publikum leicht zugänglich sind.

Die aufwändig erarbeitete wissenschaftlich-kritische Neuausgabe „Il Xerse“ im Rahmen der Reihe „Francesco Cavalli – Opere“ versteht sich als Grundlage für Forschung und Aufführung der Oper. Die Herausgeber Sara Elisa Stangalino und Hendrik Schulze werteten zahlreiche historische Quellen, insbesondere zum Libretto der Oper, aus und liefern zusätzlich zu den akribisch edierten Werktexten eine ausführliche Einleitung in die Zeit der Entstehung, das historische Sujet, die Zusammenarbeit zwischen Librettist und Komponist, die Quellenlage, und zur Aufführungspraxis dieser besonderen Musik.