Besetzung: 3 (2. und 3. auch Picc), 3 (3. auch Eh), 3 (3. auch BKlar), 3 (3. auch Kfag) - 4, 3, 3, 1 - Schlg (4) - Hfe - Str (10, 8, 6, 6, 6) / ca. 12 Minuten

Uraufführung am 25. August 2010 in Luzern, Lucerne Festival (Auftragswerk): Lucerne Festival Academy Orchestra, Leitung Pierre Boulez

Werkkommentar
Der Titel „Turn“ bezeichnet ein formales Konzept – was für Dieter Ammann alleine schon einen singulären Vorgang bei der Komposition seines neuen Orchesterstücks darstellt, denn normalerweise entwickelt der Komponist seine Werke ohne eine vorher abgesteckte Formidee. Die Auftragskomposition für das Lucerne Festival, „Turn“ für Orchester, bildet das Mittelstück zu Ammanns Orchesterwerken „Boost“ (2000/2001) und „Core“  (2002) und ist als Adagio konzipiert. „Ich habe ein formales Konzept entwickelt, das eine bewusste Überfrachtung des Orchestersatzes exponiert, um so eine musikalische Aura zu schaffen, die in der Folge dann einer grundlegenden Veränderung unterzogen bzw. völlig gebrochen wird. Gleichzeitig habe ich der Vertikalen eine starke Bedeutung zugemessen.“ Ein Adagio also, das im ruhigen Tempo ein dichtes Geschehen organisiert und tonal auf Zentraltöne fixiert ist, die oft als Basstöne auch den Satz grundieren. Nach und nach verdichtet sich die Musik zu einem Pulsieren, sie mündet in eine heftige, homorhythmische Pendelbewegung. „Genau dort, wo die Musik für den Hörer ganz eindeutig, leicht fasslich wird, passiert der Turn, ein Wendepunkt, an dem die vorherige Klanglichkeit völlig implodiert und abrupt in ein anderes Klangbild umschlägt. Das ist vergleichbar mit einer Szenerie auf einer Bühne, wo Beleuchtung und Technik schlagartig eine neue Atmosphäre schaffen.“ Statisch, wie aus der Ferne grundieren zeitlupenartig Leersaitenklänge, die mikrointervallisch verzerrt sind, eine stoisch aufsteigende Skalenbewegung der Bläser. „Von dort aus will sich die Musik noch einmal befreien und möchte zurück. Fragmentarisch taucht frühere Akkordik noch einmal auf, aber der Bruch bleibt bis zum Schluss wirksam.“
„Turn“ steht als Einzelkomposition für sich, ist in ihrem Adagio-Charakter jedoch für eine Aufführung zusammen mit „Boost“ und „Core“ konzipiert. Die beiden früheren Orchesterkompositionen ihrerseits haben jene Ammann eigene federnde Spannkraft und explodierende Klanglichkeit, die einen spannungsreichen Rahmen um den „Wendepunkt“ in der Mitte legen. Dabei ist „Core“, wie der Komponist erläutert, „etwas klangmassiver, robuster gegenüber dem grazileren, beweglicheren ‚Boost’“. Die Gelegenheit für eine erstmalige, gemeinsame Aufführung der drei Orchesterwerke ergriff Dieter Ammann, als das Lucerne Festival ihn um Vorschläge für eine Komponistenresidenz und das Konzert mit Pierre Boulez und dem Lucerne Festival Academy Orchestra fragte.
Marie Luise Maintz
(aus [t]akte 2/2010]