Besetzung: Dino (Bariton), Regolo (Bassbariton), Il Russo (Bass), Sibilla (Sopran), Indovina (Mezzosopran), Chor (mit Chorsoli)
Orchester: 3 (2. auch AFl, Picc, 3. auch BFl, Picc), 2, SSAx, TSax, 3 (auch Bklar, 3. auch KbKlar), 2, Kfag –  3, 4, 3, 1 – Klav, Akk, Hfe – 3 Schlgz – Str (10, 10, 8, 6, 4)

Uraufführung: 10.5.2015 Hamburg (Hamburgische Staatsoper), Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Ramin Gray

Werkkommentar
la bianca notte / die helle nacht
Oper nach Texten von Dino Campana und dokumentarischem Material

Beat Furrers Oper „la bianca notte / die helle nacht“ ist sein siebtes Musiktheaterwerk und das erste, das ein groß besetztes Orchester verwendet und eine ausschließlich gesungene Handlung präsentiert. Während er in früheren musikdramatischen Werken die gesprochene Sprache integrierte oder auch – wie im Hörtheater „FAMA“ – von der Sprechstimme ausging, wird in „la bianca notte / die helle nacht“ die gesungene Stimme in all ihren Abstufungen zum musikalischen Thema.

Vorlage für die Handlung ist eine historische Figur in ihrer geschichtlichen Situation: der Dichter Dino Campana, der im Umkreis der italienischen Futuristen ein bedeutendes literarisches Werk, die „Canti Orfici“ (Orphischen Gesänge), publizierte. Campana war Vagabund und Weltenbummler, der bis nach Südamerika gelangte. Er spukte als streitbarer Geist durch die Literatenzirkel und suchte vergeblich nach einer Existenzform, die ihm das Schreiben und Publizieren ermöglichte. Seine Dichtung wird in ihrer besonderen Qualität zum Ausgangspunkt der Gestaltung, vor allem die Aufhebung der Zeitkonstante in seinen Texten. Campana erlebte 1916 eine kurze und heftige Liebesgeschichte mit der Schriftstellerin und Feministin Sibilla Aleramo und wurde 1918 in die Anstalt von Castel Pulci eingeliefert, wo er bis zu seinem Tod 1932 blieb. Sein »Fall« wurde nach seinem Tod in der Publikation eines Psychiaters beschrieben, der das Bild eines wahnsinnigen Dichters vermittelt, der glaubt, die Geschicke der Menschheit mittels telegrafischer Strömungen zu steuern und als „Edison“ die Welt zu erleuchten. Beat Furrer greift Motive aus dieser Biographie auf und erzählt das Scheitern eines Menschen, der seine Identität verliert, in einer Zeit, die in Fortschrittseuphorie und Krieg aus den Fugen gerät.
Die Oper zeigt die Hauptfigur Dino in Begegnungen mit Menschen, die auch seine Erfindung oder seine Spiegelbilder sein könnten: den mephistophelischen Verführer Regolo und den manisch schreibenden Musiker Il Russo. Die Quelle seiner Inspiration tritt als eine personifizierte Muse auf: die Wahrsagerin Indovina. Sibilla ist eine Literatin aus der Futuristenszene.

Musikalisch ereignet sich eine zunehmende Überlagerung und Auffächerung bis hin zur Vervielfältigung des Personals und der Stimmen in den anspruchsvollen Chorszenen. Dieser Verlust von Individualität hat jedoch immer eine Gegenwelt: in der lyrischen Kraft und Konzentration der Indovina, deren Gesang letztlich die Utopie der Schönheit offenbart. Dies geschieht in der Fokussierung auf die Gesangsstimme, auf die verschiedensten Gestaltungsweisen von Melodie. Der Gesang wird in seinen Farbabstufungen mit dem Orchester in Beziehung gesetzt, wenn etwa in der vorletzten Szene Campanas berühmtes Gedicht „La Chimera“ durch die instrumentalen Stimmen des Orchesters gefärbt, der Gesang dadurch also gleichsam vergrößert wird, in einer scheinbar ins Unendliche fallenden, berückenden Linie. Das entgegengesetzte Extrem, etwa in der ersten Szene, stellt eine rezitativische Struktur in den Vordergrund: Elemente der Sprache werden in melodische Floskeln verwandelt.

Campana, der orphische Sänger mit dem klingenden Namen, erscheint in einer Oper im 21. Jahrhundert, die den Gesang zum Thema macht. Singen ist hier einheitsstiftendes Moment als Realisation der im Kopf des Dichters sich abspielenden Begegnungen, im Kontrast zu der ihn umgebenden, in kubistischen Strukturen zerfallenden Welt. Gesang gestaltet hier den utopischen Raum der Oper.

Beat Furrer stellte das Libretto aus den Texten des italienischen Dichters Dino Campana zusammen, nicht nur aus seiner Dichtung, sondern auch aus Briefen und dokumentarischem Material, und kombiniert sie mit Marinettis „Futuristischem Manifest“ und Texten von Leonardo da Vinci. „Bei ihm ist in der Erzählung eine fast mythologische Zeitlosigkeit wichtig, die in einem dialektischen Verhältnis steht zu einer rastlos rasenden Erzählung.“ (Furrer) Der historische Campana fiktionalisierte sich in seinem quasi autobiografischen Werk: Sein Leben und sein Scheitern verliefen in ihren Zäsuren auffallend parallel zu Ereignissen der Weltgeschichte. 1914 erschien im Selbstverlag sein Werk „Canti Orfici“, die eine einzigartige literarische Erzählform haben. Gedicht, tagebuchartige Erzählung, Notiz, Novelle, Aphorismus, Glosse vermischen sich zu einer autobiographischen Fiktion einer Figur, die als Wanderer, Beobachter, Reisender ein eindringliches Bild ihrer Welt zeichnet, in einer dichterischen Sprache von größter literarischer Qualität.
Marie Luise Maintz (aus: Kloiber, Rudolf / Konold, Wulf / Maschka, Robert: Handbuch der Oper, Kassel 2016)