Mit seinem Weihnachtsoratorium schrieb Saint-Saëns in jungen Jahren ein leicht zugängliches Werk, das nun in einer verlässlichen Urtextausgabe vorliegt.

Gerade einmal 23 Jahre alt war Camille Saint-Saëns (1835–1921), als er im Dezember 1858 innerhalb weniger Tage die ersten sechs Sätze seines „Oratorio de Noël“ komponierte, die dann – möglicherweise in der Mitternachtsmesse – in der Pfarrkirche Sainte-Marie-Madeleine in Paris uraufgeführt wurden. Vier weitere Sätze fügte Saint-Saëns in den folgenden fünf Jahren hinzu.

Ausgelöst durch die Beethoven-Rezeption, gab es im Frankreich dieser Zeit eine große Vorliebe für deutsche Musik – insbesondere auch für Johann Sebastian Bach. Saint-Saëns Vorliebe für Werke Bachs ist u. a. in den Transkriptionen einiger Kantaten- und Sonatensätze für Klavier dokumentiert, die bezeichnenderweise in derselben Zeit entstanden wie das „Oratorio de Noël“.

Die Parallelen zwischen der Komposition von Saint-Saëns und Bachs „Weihnachtsoratorium“ sind nicht nur aufgrund des Titelzusatzes auf der ersten gedruckten Partiturseite („Dans le style de Séb. Bach“) deutlich. Im Gegensatz zu Bach wird die Weihnachtsgeschichte bei Saint-Saëns aber nicht von einem Evangelisten erzählt, sondern Saint-Saëns verteilt die Darstellungen auf verschiedene Solisten. Auch verwendet Saint-Saëns keine freien Texte: Er vertont ausschließlich Texte der Vulgata und der katholischen Liturgie.

Erst 1892 kam es zur Drucklegung der Partitur bei Durand. Die hohen Auflagenzahlen der Chorstimmen und des Klavierauszugs deuten darauf hin, dass das Werk unglaublich beliebt war. In späteren Jahren bezeichnete Saint-Saëns selbst dieses Jugendwerk als sein „petit oratorio de noël“. Es ist vielleicht ein kleines Werk, aber mit großer Wirkung, das sowohl für kleine Chöre als auch für größere Ensembles reizvoll ist. Schon jetzt erfreut es sich international großer Beliebtheit.