Es ist eine kleine Sensation der Musikgeschichte: Yves Gérard entdeckte in der Médiathèque „Jean Renoir“ im französischen Dieppe ein unbekanntes und unveröffentlichtes Manuskript von Camille Saint-Saëns.

Es sind die vier obersten Instrumentalstimmen, die dieses Manuskript zu einer kleinen Sensation machen. Untereinander angeordnet sind „Saxophone Soprano en Si b“, „Saxophone Alto en Mi b“, „Saxophone Ténor en Si b“ und „Saxophone Baryton en Mi b“, Streicher, Sopran-Solo mit Chor und Orgel. Bisher ordnete die Musikgeschichte das erste Saxophon-Quartett Jean-Baptiste Singelée zu, der 1857 sein Opus 53 vollendete. Diese Geschichtsschreibung muss nun revidiert werden. Denn unter der ersten Seite des Schatzes aus Dieppe, die überklebt und zusätzlich noch vernäht ist, findet sich die Jahreszahl 1854. Das Werk Saint-Saëns’ entstand also drei Jahre früher als das Singelées.

Anders als Singelée setzt Saint-Saëns die Blasinstrumente nicht solistisch ein. Vielmehr nutzt er ihre Klangfarbe, um Stimmungen und Nuancen im vertonten Text zu zeichnen. Die Saxophone begleiten die (durchaus von Laien singbaren) Chorparts und stützen in fugalen Passagen die menschlichen Stimmen, sie führen aber auch die Melodie in den rein orchestralen Passagen.

Die Entstehung der Motette fällt in die Zeit, als Camille Saint-Saëns seine erste feste Anstellung als Organist an der Kirche Saint Merry in Paris übernommen hatte. Mehrfach hat Saint-Saëns über Jahrzehnte das Werk überarbeitet, die Motivik am Anfang verändert, offensichtliche Fehler korrigiert, den Schluss umgearbeitet, schließlich auch mehrfach die Besetzung verändert und sogar – wahrscheinlich im letzten Schritt – den lateinischen Text durch einen englischen ersetzt. So sind heute dreieinhalb Fassungen überliefert. In detektivischer Kleinarbeit ist es gelungen die Kompositionsschritte zu rekonstruieren. Darüber hinaus ist es gelungen, die erste Saxophonfassung (BA 11305) und die letzte englische Klavierfassung (BA 11309) in einer wissenschaftlich-kritischen Edition herauszugeben.

Die vorliegende Ausgabe der englischen Fassung für Sopran-Solo, Chor und Klavier (BA 11309) dient aufgrund der Besetzung sowohl als Partitur als auch als Klavierauszug.