Die Arbeit an dem „Sextett für zwei Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli“ hat Schulhoff insgesamt vier Jahre beschäftigt. Wurde der erste Satz bereits am 27. April 1920 in Dresden fertiggestellt, so dauerte es bis zur Reinschrift der weiteren Sätze in Prag bis zum 30. April 1924.

Kein Geringerer als Paul Hindemith hatte mit Schulhoff die Uraufführung des Werkes in Donaueschingen vereinbart, die dort am 19. Juli 1924 stattfand. Es spielten das Zika-Quartett, Hindemiths Bruder Rudolf und er selbst. Nach diesem Erfolg schickte Schulhoff das Manuskript an die Universal-Edition in Wien, um eine Drucklegung zu erreichen, forderte es aber am 17. April 1926 zur Überarbeitung zurück. Zu dieser Revision ist es nie gekommen, es scheinen auch zu seinen Lebzeiten keine weiteren Aufführungen stattgefunden zu haben.

Im Jahr 1978 erscheint dann die erste gedruckte Partitur des Sextettes bei Supraphon in Prag, allerdings ohne die Einzelstimmen. Seit Mitte der achtziger Jahr endlich findet das Werk wieder in den Konzertsaal zurück: ein Verdienst nicht zuletzt von Gidon Kremer, der sich als erster für dessen Rehabilitierung eingesetzt hat. Inzwischen haben sich mehrere erstrangige Ensembles mit dem Streichsextett befaßt, was sich nicht nur im Konzertleben, sondern auch auf dem Plattenmarkt widerspiegelt.

Schulhoff hat das Sextett Francis Poulenc gewidmet. Über einen persönlichen Kontakt der beiden ist mir zwar nichts bekannt, aber mit Sicherheit kann man davon ausgehen, daß das Œuvre des Franzosen Schulhoff vertraut war; hat er doch 1924 in der Zeitschrift „Auftakt" in einem kurzen Artikel Poulenc zusammen mit Hindemith, Strawinsky, Casella und anderen vorgestellt.

Die Herausgabe des Streichsextettes von Erwin Schulhoff war mehr als überfällig, gehört es doch wegen seines jugendlichen Elans und des damit verbundenen Mutes zur Expressivität unstreitig mit in die Werkreihe von Brahms und Schönberg.
(Vorwort von Michael Rische, 24. Oktober 1997)