Als einen provokativen Gegenentwurf zur „offiziellen“ Musikgeschichte will Christian Kaden sein Buch verstanden wissen, und in der Tat stellen die verschiedenen Kapitel zur zivilisatorischen Wirkung der Musik die Grundlagen unseres herkömmlichen Musikbegriffs in Frage, fordern zu einer Auseinandersetzung mit unserer (Musik-)Kultur heraus, regen an, über Alternativen nachzudenken. Ob Kaden über die Musik Papua-Neuguineas, über die Beziehung zwischen Polyphonie und gotischer Baukunst, über musikalische Artenvielfalt oder über die Physiognomie des Künstlers in der Moderne am Beispiel Wagners nachdenkt – stets verfolgt er damit ein bestimmtes, ein aufklärerisches Anliegen. Er befragt die Musik nach ihrem Beitrag zu einem „kultivierten“ Leben, nach ihrer Beteiligung am allgemeinen Zivilisationsprozess. Kaden sammelt die verstreuten Splitter vergessener musikalisch-ethischer Verhaltensweisen. Die „alternative Musikgeschichte“, die so entsteht, ruft künstlerische Konzepte ins Bewusstsein, die in einer Musikgeschichtsschreibung, die auf das „Kunstwerk“ fixiert ist, verloren gingen: die scheinbar „primitiven“ außereuropäischen Musikkulturen, die Fähigkeit zu Improvisation und geistiger Flexibilität, die „Musik von unten“ – Rockmusik als Protest, authentische Volksmusik – oder der elementare Zusammenhang von Musik und Körper, Bewegung, Tanz, Spiel. Die temperamentvolle essayistische Sprache fesselt dabei ebenso wie die unkonventionelle Gedankenführung. Ein Buch, über das man diskutiert.